Newcastle_Treibland«Als sie in den Schatten der Ruinenmauer getreten waren, sah sie an seinen Pupillen, dass er sich erst an den Halbschatten gewöhnen musste. Sie hatte zwei, drei Sekunden länger Gelegenheit gehabt, sich damit vertraut zu machen. Nicht mehr als genug, sondern genau genug. Als er sich halb umwandte, instinktiv, um seine Umgebung in den neuen Lichtverhältnissen zu prüfen, war sie bereits die vier Stufe einer kleinen, inzwischen sinnlosen Steintreppe hinaufgestiegen.

Bevor er sich wieder umgedreht hatte, nahm sie in ein und derselben Bewegung einen etwa fünfzehn Kilo schweren Stein- und Mörtelbrocken, der vor langer Zeit vom unteren Dachrand hier herunter gefallen war, und schlug Kenwick diesen Stein über den Kopf, mit einer perfekten Körperdrehung, die bestmöglich ihr eigenes Gewicht und ihre leicht erhabene Position ausnutzte.

Sie merkte an der haptischen Antwort des Steines und am charakteristischen Geräusch, dass sie Kenwick den Schädel gebrochen hatte. Er sackte ins Halbdunkel und fiel zu Boden.»

 (Treibland, S. 287f.)

Kommentar von Till Raether:

Als wir in Newcastle Landgang hatten, wusste ich schon: Jetzt suche ich einen Ort, an dem man gut jemanden erschlagen kann. Mein Vater, der mich auf dieser Reise begleitete, dachte, wir machen einfach einen Spaziergang. Dass die medizinische Fakultät der Newcastle University im Buch eine Rolle spielen würde, konnte ich ihm noch erklären, darum drückten wir uns da eine Weile herum. Aber als ich dann hinter der Uni den Leizes Park sah und dabei sofort an Mord dachte, kriegte ich irgendwie nicht in Worte gefasst.

Mein Vater hat sich aber nicht beschwert, als ich ziemlich lange im Zwielicht in und hinter dieser Ruine herumgestöbert habe. Im Gegenteil, er ist ein wirklich geduldiger Reisebegleiter, was so was angeht: scheinbar zielloses Herumstochern an seltsamen Orten. Er ist Künstler und findet immer irgendwo Metallteile oder Holzstücke, von denen keiner begreift, warum er sie aufhebt, und warum er sie überhaupt gefunden hat. Daher verstand er mich, glaube ich, als ich in mich gekehrt mit der Kamera und dem Notizbuch an diesem verlassenen Haus rummachte und dabei den einen oder anderen Dachfirst-Brocken aufhob, um ihn auf seine Eignung als sprichwörtlicher „stumpfer Gegenstand“ zu testen.

Jedenfalls ist es sehr schön, bei einer Recherchereisen jemanden wie meinen Vater dabei zu haben, jemanden, der einen versteht, ohne dass man die ganze Zeit alles durchsprechen muss. Allein hätte ich mich bei der Ortssuche für meinen Mordplan etwas seltsam gefühlt, glaube ich.

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