Eine Nachricht von Till Raether

Vor einiger Zeit hätte ich meinen Vater beinahe über Bord eines Kreuzfahrtschiffes geworfen. Kurz danach hatte ich die Idee zu «Treibland».

Im Prinzip haben mein Vater und ich ein gutes Verhältnis zueinander; so gut, dass ich mich freute, als er zusagte, mich auf einer Recherchereise zu begleiten. Aber zum einen war ich es nicht mehr gewöhnt, so viel Zeit auf relativ engem Raum mit ihm zu verbringen, und zum anderen … ach, Kreuzfahrtschiffe machen seltsame Dinge mit einem. Trotz pausenloser Animation und gelegentlich vorbeiziehender Landschaft schmort man doch ganz schön im eigenen Saft. Und hat vielleicht ein bisschen zu viel Zeit zum Nachdenken.

Und zu viel Zeit, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen.  Jedenfalls gab es diesen einen Moment, wo er neben mir an der Reling stand, und ich dachte: Wenn er jetzt nicht sofort aufhört, mir Vorträge zu halten, werfe ich ihn über Bord. Stattdessen habe ich dann tief durchgeatmet und ihn an einer der zahllosen Bars zu einem Whisky eingeladen, und dann zu noch einem.

Überhaupt fiel mir auf dieser Kreuzfahrt auf, dass hin und wieder an Bord des Schiffes eine sonderbar gereizte Stimmung aufflammte, eine Mischung aus Verunsicherung und Aggressivität: Immer dann, wenn man in einer großen Menschenmenge zu lange vor dem Restaurant warten musste, oder die Ausschiffung zu Landausflügen nicht losging, oder wenn das Schiff vor einem Zielhafen unerklärlich auf Reede lag und die Passagiere durch kaum verständliche Lautsprecherdurchsagen darüber informiert wurden, wegen des hohen Seegangs wäre dieser Landgang gestrichen (für das Laienauge war das Wasser aber spiegelglatt).

Kurz: So lange man an Bord eines Schiffes ist, ist man fremdbestimmt, und hin und wieder nimmt einem dieses Gefühl fast den Atem.

Dieses Gefühl löste ein paar Fragen in mir aus: Wie wäre es eigentlich, dieses Schiff nicht mehr verlassen zu können? Was würde passieren, wenn man hier an Bord gefangen wäre, wenn alle Passagiere ein oder zwei Wochen länger an Bord bleiben müssten, als sie geplant hatten? Und zwar nicht auf See, sondern im Hafen, in grausamer Reichweite des rettenden Ufers? Und was wäre eine Geschichte, die man rund um diese Situation erzählen könnte?

Die üblichen Fragen also, die am Ende dazu führen, dass man einen Kriminalroman über geheimnisvolle Viren, kostbare Single Malt Whiskys, afrikanische Fetische, hingebungsvolle Auftragsmörderinnen, politische Komplotte und gescheiterte Ehen schreibt. Der natürlich in Hamburg spielt, denn wo sonst wäre es noch grausamer, an Bord eines Schiffes im Hafen zu liegen und nicht an Land gehen zu dürfen?

Weil das ganze Schiff zwei Wochen unter Quarantäne steht, nachdem in einer Kabine ein Toter gefunden worden ist. Der innerlich verblutet ist, weil er sich auf der Kreuzfahrt mit einem tödlichen Virus angesteckt hat. Oder der vergiftet worden ist.

Mit dem Gefühl der Fremdbestimmtheit hat auch das Thema von «Treibland» viel zu tun: Das Buch handelt eigentlich von Kontrollverlust. Niemand weiß, ob das an Bord gefundene Virus ausbrechen wird oder ob es kontrollierbar ist; jede der in die Geschichte verstrickten Personen hat die Kontrolle über die Richtung ihres Lebens und ihren Anteil am Verbrechen verloren – ganz besonders der ermittelnde LKA-Kommissar Adam Danowski, der eigentlich lieber am Schreibtisch ermitteln würde, und dem sein Arzt gerade erst geraten hat, jede Art von Stress zu vermeiden. Und der jetzt selbst an Bord des Kreuzfahrtschiffes festsitzt und bedroht wird. Von wegen Stress vermeiden.

«Treibland» lebt von solchen Gegensätzen und paradoxen Ausgangssituationen. Hauptkommissar Adam Danowski ist aus persönlichen Gründen eher unmotiviert und betrachtet seinen Beruf als Job, die Auftragsmörderin hingegen ist äußerst gewissenhaft und betrachtet ihren Job als Berufung. Das Kreuzfahrtschiff fährt nicht, die Passagiere kommen nicht an. Ärzte heilen nicht, sondern gefährden, Wissenschaftler forschen nicht, sondern vertuschen, und der Single Malt wird nicht getrunken, sondern verflüchtigt sich. Nichts ist, wie es scheint – wie Treibland, Nebelbänke, die auf See trügerisch aussehen wie festes Land.

Ich frage mich, ob «Treibland» sich eignet, um auf einer Kreuzfahrt gelesen zu werden. Wenn man eine Innenkabine hat und hypochondrisch veranlagt ist – vielleicht lieber nicht.  Aber sonst: Es ist so viel los in «Treibland», dass die Lektüre einen definitiv daran hindern wird, mitreisende Angehörige über die Reling stoßen zu wollen.

Ihr Till Raether

3 Gedanken zu “Eine Nachricht von Till Raether

  1. Hallo Till,
    habe das Buch noch nicht gelesen, freue mich aber schon sehr darauf, da ich auch Kreuzfahrterfahrungen habe. Habe neulich Ihre Mutter an der Bushaltestelle getroffen und kurz Neuigkeiten ausgetauscht. Weiterhin viele schriftstellerische Erfolge und herzliche berliner Grüße von Ihrer alten Lehrerin

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>