Raether_Kabine«Danowski öffnete seine Kabinentür, die sofort immer weiter aufging, als wäre sie außerordentlich schwer oder als drückte ein Orkan dagegen. Es waren aber lediglich etwa ein Dutzend Crewmitglieder, Männer mit dunklen oder gar keinen Haaren, schwarzen Polyesterhosen und den praktischen Windjacken der Reederei. Sie drängten Danowski zurück in die Kabine und drückten ihn, bis er sich in einer scheinbar fließenden Bewegung aufs Bett setzte.

Es waren tatsächlich nur acht, wie er zählte, um die Situation zumindest numerisch in den Griff zu bekommen, und sie sagten kein einziges Wort. Zwei blieben im kurzen Gang vor der Toilette stehen, sicherten die geschlossene Kabinentür und sahen ihn an, als hätte das alles nichts mit ihm zu tun. Die anderen sechs setzten sich auf jeden verfügbaren Platz in der jetzt außerordentlich gut gefüllten Kabine: jeweils einer links und rechts von ihm, einer rittlings auf den Stuhl am Schreibtisch, so dass seine Knie gegen Danowskis drückten, und drei auf das gegenüberliegende Bett.

Sie zwängten ihn ein, ohne ihn mehr zu berühren als unbedingt notwendig. Sie bedrängten ihn, ohne ihm deutlich Gewalt anzutun. Sehr geschickt, dachte Danowski, während er aufzustehen versuchte, auf diese Weise wird es niemals etwas geben, was ich ihnen offiziell vorwerfen könnte. Später, in der wahren Welt. Falls das alles hier jemals aufhört.»

(Treibland, S. 319)

Kommentar von Till Raether:

Die Jacke an der Tür ist übrigens von meinem Vater. Am Anfang standen unsere Betten direkt nebeneinander in der Kabinenmitte, wie ein Doppelbett. Wir haben sie dann aber auseinander schieben lassen. Wenn danach jeder auf seinem Bett saß, stießen wir mit den Knien fast zusammen. Man kann sich also vorstellen, dass die Kabine schnell sehr voll ist, wenn acht Leute reinkommen, die einem nicht wohl gesonnen sind. Und dass sie sehr eng wird, wenn zwei Leute in Raumanzügen darin nach Spuren suchen. (Als ich dann andererseits meine Schlüsselkarte in der Kabine verlor und nicht mehr wiederfand, kam sie mir riesig vor.)

Treppenschacht «Ihr Bewacher führte sie in einen Lastenaufzug am Ende des Ganges, dort, wo der Treppenschacht der Besatzung parallel versteckt zu den Treppen für die Passagiere verlief. Während den ersten Tagen der Reise, vor der Krise, war ihr nie aufgefallen, dass die Männer und Frauen von der Crew ständig hinter Türen verschwanden, die von den mit Teppichen ausgelegten und warm beleuchteten Wegen der Passagiere aus kaum zu sehen waren. Und dass dahinter eine zweckmäßige, nüchterne und farblose Welt mit Metallgeländern, Linoleum-Fußböden und Resopaltischplatten wartete, wusste sie erst, seitdem man sie mit sanftem Nachdruck gezwungen hatte, ein fremder Teil dieser Welt zu werden, wie ein transplantiertes Organ, das jederzeit wieder abgestoßen werden konnte.»

 (Treibland, S. 243)

Kommentar von Till Raether:

Ich hatte keine offizielle Genehmigung, mich in den Mannschaftsquartieren umzusehen. Und definitiv auch keine inoffizielle, wie ich feststellen konnte, als ich es einfach tat und schnell wieder freundlich aber bestimmt zum Ausgang begleitet wurde. Ein paar Mal bin ich dann wie verwirrt und aus Versehen jemandem hinterhergelaufen, als hätte ich mich verlaufen. Um so viel wie möglich aufzuschnappen. Und dann so zu tun, als verstünde ich keine der sechs Sprachen, in denen ich höflich gefragt wurde, was zum Teufel ich hier verloren hätte.

Nach der Reise habe ich dann herumtelefoniert und mit Menschen gesprochen, die auf Kreuzfahrtschiffen arbeiten, und Schiffspläne studiert – aber seltsamerweise ist manchmal ein einziger Blick durch eine halboffene Tür in der Erinnerung interessanter und löst mehr aus als alle Recherche.

Eine Nachricht von Till Raether

Vor einiger Zeit hätte ich meinen Vater beinahe über Bord eines Kreuzfahrtschiffes geworfen. Kurz danach hatte ich die Idee zu «Treibland».

Im Prinzip haben mein Vater und ich ein gutes Verhältnis zueinander; so gut, dass ich mich freute, als er zusagte, mich auf einer Recherchereise zu begleiten. Aber zum einen war ich es nicht mehr gewöhnt, so viel Zeit auf relativ engem Raum mit ihm zu verbringen, und zum anderen … ach, Kreuzfahrtschiffe machen seltsame Dinge mit einem. Trotz pausenloser Animation und gelegentlich vorbeiziehender Landschaft schmort man doch ganz schön im eigenen Saft. Und hat vielleicht ein bisschen zu viel Zeit zum Nachdenken.

Und zu viel Zeit, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen.  Jedenfalls gab es diesen einen Moment, wo er neben mir an der Reling stand, und ich dachte: Wenn er jetzt nicht sofort aufhört, mir Vorträge zu halten, werfe ich ihn über Bord. Stattdessen habe ich dann tief durchgeatmet und ihn an einer der zahllosen Bars zu einem Whisky eingeladen, und dann zu noch einem.

Überhaupt fiel mir auf dieser Kreuzfahrt auf, dass hin und wieder an Bord des Schiffes eine sonderbar gereizte Stimmung aufflammte, eine Mischung aus Verunsicherung und Aggressivität: Immer dann, wenn man in einer großen Menschenmenge zu lange vor dem Restaurant warten musste, oder die Ausschiffung zu Landausflügen nicht losging, oder wenn das Schiff vor einem Zielhafen unerklärlich auf Reede lag und die Passagiere durch kaum verständliche Lautsprecherdurchsagen darüber informiert wurden, wegen des hohen Seegangs wäre dieser Landgang gestrichen (für das Laienauge war das Wasser aber spiegelglatt).

Kurz: So lange man an Bord eines Schiffes ist, ist man fremdbestimmt, und hin und wieder nimmt einem dieses Gefühl fast den Atem.

Dieses Gefühl löste ein paar Fragen in mir aus: Wie wäre es eigentlich, dieses Schiff nicht mehr verlassen zu können? Was würde passieren, wenn man hier an Bord gefangen wäre, wenn alle Passagiere ein oder zwei Wochen länger an Bord bleiben müssten, als sie geplant hatten? Und zwar nicht auf See, sondern im Hafen, in grausamer Reichweite des rettenden Ufers? Und was wäre eine Geschichte, die man rund um diese Situation erzählen könnte?

Die üblichen Fragen also, die am Ende dazu führen, dass man einen Kriminalroman über geheimnisvolle Viren, kostbare Single Malt Whiskys, afrikanische Fetische, hingebungsvolle Auftragsmörderinnen, politische Komplotte und gescheiterte Ehen schreibt. Der natürlich in Hamburg spielt, denn wo sonst wäre es noch grausamer, an Bord eines Schiffes im Hafen zu liegen und nicht an Land gehen zu dürfen?

Weil das ganze Schiff zwei Wochen unter Quarantäne steht, nachdem in einer Kabine ein Toter gefunden worden ist. Der innerlich verblutet ist, weil er sich auf der Kreuzfahrt mit einem tödlichen Virus angesteckt hat. Oder der vergiftet worden ist.

Mit dem Gefühl der Fremdbestimmtheit hat auch das Thema von «Treibland» viel zu tun: Das Buch handelt eigentlich von Kontrollverlust. Niemand weiß, ob das an Bord gefundene Virus ausbrechen wird oder ob es kontrollierbar ist; jede der in die Geschichte verstrickten Personen hat die Kontrolle über die Richtung ihres Lebens und ihren Anteil am Verbrechen verloren – ganz besonders der ermittelnde LKA-Kommissar Adam Danowski, der eigentlich lieber am Schreibtisch ermitteln würde, und dem sein Arzt gerade erst geraten hat, jede Art von Stress zu vermeiden. Und der jetzt selbst an Bord des Kreuzfahrtschiffes festsitzt und bedroht wird. Von wegen Stress vermeiden.

«Treibland» lebt von solchen Gegensätzen und paradoxen Ausgangssituationen. Hauptkommissar Adam Danowski ist aus persönlichen Gründen eher unmotiviert und betrachtet seinen Beruf als Job, die Auftragsmörderin hingegen ist äußerst gewissenhaft und betrachtet ihren Job als Berufung. Das Kreuzfahrtschiff fährt nicht, die Passagiere kommen nicht an. Ärzte heilen nicht, sondern gefährden, Wissenschaftler forschen nicht, sondern vertuschen, und der Single Malt wird nicht getrunken, sondern verflüchtigt sich. Nichts ist, wie es scheint – wie Treibland, Nebelbänke, die auf See trügerisch aussehen wie festes Land.

Ich frage mich, ob «Treibland» sich eignet, um auf einer Kreuzfahrt gelesen zu werden. Wenn man eine Innenkabine hat und hypochondrisch veranlagt ist – vielleicht lieber nicht.  Aber sonst: Es ist so viel los in «Treibland», dass die Lektüre einen definitiv daran hindern wird, mitreisende Angehörige über die Reling stoßen zu wollen.

Ihr Till Raether